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„Grensefolk“: An der härtesten Grenze Norwegens

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Kirkenes, eine Kleinstadt in der Provinz Finnmark in Nord-Norwegen. Hier leben nur 3.500 Menschen, im Sommer geht die Sonne niemals unter. Hier, kurz vor der russischen Grenze, drehen eigentlich nur noch die Schiffe der Hurtigruten um. Und dennoch hat das Örtchen schon viel erlebt, vor allem große Weltpolitik: besetzt durch die Nazis, befreit von den Sowjets, direkter Blick auf den Eisernen Vorhang.

Aber wie lebt dieses Grensefolk eigentlich? In Kirkenes, in dem die Straßenschilder zweisprachig sind, beim Angelausflug schon mal ein russisches Patrouillenboot auftaucht – und mittags plötzlich ein Chor die norwegische Nationalhymne singt?

Von Tomma Petersen

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Zu der Region um Kirkenes gehört das Pasvik-Tal – ein schmaler, keilförmiger Teil Norwegens – zwischen Russland im Osten und Finnland im Westen. Auf einem Fußballplatz mitten im Borealen Nadelwald, etwa 1.000 Meter Luftlinie zur russischen Grenze und 30 Kilometer von der Grenzstation entfernt, treffen heute beim Pasvik-International-Cup Fußballer aus der ganzen Barentsregion aufeinander.

Zum ersten Mal gibt es eine russisch-norwegische Mannschaft. „Wir kannten uns bis vor ein paar Minuten nicht, und die Mädchen können sich nicht unterhalten – aber Fußball geht ja auch so“, sagt Audun Bang Eriksen, Trainer der Mädchenmannschaft aus Pasvik. Neben ihm feuert Andrey Mytnik aus Murmansk seine Schülerinnen an.

Trainiert haben die Mannschaften zu Hause, auf dem Fußballplatz müssen sie zu einem Team werden. „Hallo sagen, kurz warm machen, dann spielen“, sagt Andrey. Eine bessere Idee zur Völkerverständigung hätten die beiden Männer nicht gehabt, sagt er und lacht.

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Dass die Augen der Turnier-Veranstalter auf dem norwegisch-russischen Team ruhen, gefällt allen. Die russischen Mädchen haben darauf bestanden, die Trikots des Pasvik-Teams zu tragen.

Vier Spiele muss das Misch-Team spielen. Gleich die ersten zwei verlieren sie. Die russischen Mädchen sind sichtlich enttäuscht. „Sie spielen erst seit ein paar Monaten Fußball, bisher gab es an unserer Schule in Murmansk nur Jungs-Mannschaften“, erzählt Andrey.
Sportliche Leistung sei in Russland sehr wichtig, verlieren schmerze deshalb besonders.

„Bei uns zählen wir bei den ganz jungen Kindern nicht einmal Punkte“, sagt Audun verwundert. Die Kinder sollen schließlich Spaß haben. „Spaß ja, aber gewinnen ist auch gut“, erwidert Andrey und grinst.

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An der Seitenlinie feuern beide ihre gemischte Mannschaft an – auf Norwegisch und Russisch gleichzeitig. So verwirrend die Anweisungen damit sind, so unterschiedlich sind auch die beiden Trainer: Andrey ist zertifizierter Jugendtrainer, und Audun? „Meine einzige Qualifikation ist, dass ich Vater einer Spielerin bin und früher selbst Fußballer war“, sagt er und guckt Andrey an. Die beiden Männer lachen.

Als das norwegisch-russische Team auch die letzten Spiele haushoch verliert, brechen die Russinnen in Tränen aus. „Ihr habt das trotzdem ganz toll gemacht“, ruft Audun immer wieder, während Andrey laut auf Russisch auf seine Spielerinnen einredet. „Hoffentlich sagt er denen das auch gerade“, fügt der Norweger mit Blick auf seinen russischen Kollegen an.

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Die Straße 885 führt vom Fußballfeld entlang des Pasvik-Flusses und der Grenze zu Russland zurück in Richtung Kirkenes. Auf einer Halbinsel am Bärensee lebt Thormod Hoel. Und das, seit er denken kann. Der 72-Jährige ist hier aufgewachsen, sein Vater sei mit falschen Versprechungen als Siedler ins Nichts gelockt worden. „Damals sollte die Gegend hier – Holmfoss – besiedelt werden und man versprach den Familien Häuser. „Als mein Vater mit Frau und Kindern ankam, stand hier allerdings nichts“, erzählt Thormod. Die große rote Holzhütte der Familie steht nun direkt am Fluss.

Jeden Morgen, wenn Thormod auf seinem Steg sitzt, blickt er auf Russland. Etwa 300 Meter von seiner Hütte entfernt, dort, wo der Fluss am tiefsten ist, befindet sich die Grenze.

Thormod war Grenzsoldat, als der Kalte Krieg im Juni 1968 seinen Höhepunkt erreichte. „Ich war der Erste, der die Russen sah“, erzählt er. Als er morgens in Richtung Russland blickte, habe er sowjetische Panzer gesehen, die alle gleichzeitig ihre Kanonenrohre auf Norwegen richteten. Eine Machtdemonstration.

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Angst vor den Russen hat Thormod aber bis heute nicht. „Sie sind viel pragmatischer als die Norweger“, sagt er. Das gefällt ihm. „Ein paar Freunde von mir sind beim Angeln in den falschen Flussarm abgebogen. Als sie die russischen Soldaten sahen, war es schon zu spät. Doch die forderten sie nur auf, doch bitte nach Norwegen zurückzuschippern. Die wollten wohl keinen Papierkram“, erzählt er und grinst. Norwegischer Grenzhumor.

Der Fluss ist die Lebensgrundlage des Grenzvolkes. Nur logisch, dass er auch die Grenze zwischen den Ländern bildet. „Die Menschen hier waren schon immer multikulti. Norweger, Russen, Finnen, Sami – sie alle leben hier. Die Weltpolitik wird zwar anderswo gemacht, aber wir leben hier seit Jahrhunderten miteinander und kennen uns“, sagt Thormod.

Der norwegische und der russische Staat würden zwar immer mal wieder ihr Revier am Fluss markieren, doch die Menschen, die hier lebten, interessiere das nicht so wirklich. „Manchmal denke ich aber, ich bin der Einzige der weiß, wo die Grenze wirklich ist“, sagt er und lacht. Gerade mit jungen Grenzsoldaten müsse er immer mal wieder diskutieren.

Denn trotz allen Gemeinschaftsgefühls: Wer die Grenze übertritt, bekommt große Schwierigkeiten. „Es ist und bleibt die härteste Grenze Norwegens“, sagt Thormod. Mal seien die Zeiten entspannter, mal angestrengter. „Und gerade – vor allem durch die Sanktionen gegen Russland – wird es wieder kälter“, sagt Thormod.

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Politische Kälte spürt Liza Vassilieva nicht. Sie will sie auch nicht fühlen. Liza widmet all ihre Kraft ihrem Job als Jugend-Koordinatorin des „Norwegischen Barents Sekretariates“ mitten in Kirkenes. Jeden Tag versuchen sie und ihre Kollegen mit internationalen Projekten, kulturelle Barrieren abzubauen und Brücken über die Grenzen der vier Länder in der Barentsregion zu bauen. In allen Grenzländern gibt es diese Barents-Sekretariate – ein Friedensprojekt nach 45 Jahren Kaltem Krieg.

Die 30-jährige Russin kam als Kleinkind mit ihren Eltern nach Kirkenes. „Ich komme aus der Generation der Übersetzer-Kinder“, erzählt Liza. Weil die Kinder der russischen Migranten schnell Norwegisch sprachen und Kontakte geknüpft hatten, hätten sie zwischen Eltern und Lehrern oft vermitteln müssen. „Meine Mentalität ist eher norwegisch – aber am liebsten wäre es mir, wenn wir uns nicht als norwegisch, russisch, indigen oder finnisch sehen würden, sondern als Barentsmenschen“, erzählt sie.

Deshalb leitet sie BRYC – den Barents-Jugendrat – und ist regelmäßig in Russland, Schweden, Nordnorwegen und Finnland unterwegs. Mit den 15 Jugendvertretern der angrenzenden Barentsgemeinen und -bezirke organisiert sie jährliche Jugendtreffen, Workshops und Festivals.

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„Ich hätte niemals gedacht, dass ich in Kirkenes bleibe“, sagt Liza. Nur ein Café hat die Kleinstadt – und eine Bowlingbahn mit angeschlossener Disco. Für junge Menschen gibt es neben der Werft Kimek kaum Arbeitgeber. „Deshalb ist unsere Jugendkooperation so wichtig“, sagt sie. Die, die an der Grenze aufgewachsen seien, verbinde vieles. „Das mag der Rest der Welt nicht verstehen, aber wir können untereinander Freunde finden und miteinander arbeiten.“

Dass junge Leute aus der Barentsregion um Kirkenes wegziehen, kann die quirlige Liza nicht verhindern. Das will sie auch nicht. „Es geht viel eher darum, neue engagierte Menschen von der Region zu überzeugen“, sagt die 30-Jährige. Wenn sie mit Freunden oder Arbeitskollegen feiern geht, geht es immer auch darum. Gibt es neue Projekte, neue Arbeitgeber in der Region? Dann holt die russisch-norwegische Powerfrau morgens um 3 Uhr ein paar Frühlingsrollen vom einzigen Imbiss in der Stadt und geht „noch ein bisschen Sonne gucken“ – solange die in den Sommermonaten über Kirkenes nicht untergeht.

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Wer wie Liza und viele Bewohner aus Kirkenes nach Russland möchte, muss nach Storskog. So heißt die Grenzstation bei Kirkenes. Direkt an der Straße, die nach Russland führt, liegt das letzte norwegische Grundstück, auf dem eine kleine, klapprige Holzhütte steht. Im hohen Gras rund um die Hütte parken verrostete Autos zwischen achtlos hingeworfenen Rentiergeweihen und Werkzeugen. Unter der großen Fichte neben der Hütte von Ørjan Nilsen liegt ein riesiger Hund.

„Er heißt Bamse“, sagt Ørjan. Teddybär. Bamse ist ein Alaskan Malamute und angeblich der berühmteste Hund Norwegens. Er liegt immer unter seinem Baum an der roten Hütte und ist das Erste, was die Besucher an der Grenze sehen. „Deshalb sagen die Touristenführer in der Region, dass Bamse der am meisten fotografierte Hund Norwegens ist“, sagt Ørjan. „Aber die Leute kennen den Unterschied zwischen einem Husky und einem Malamute nicht – deswegen muss ich das immer wieder erklären.“

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Ørjan steht in einem abgetragenen Trainingsanzug aus Ballonseide auf der Veranda seiner Hütte, in der einen Hand ein Kaffee, in der anderen eine Zigarette. Der etwas grimmig dreinblickende 58-Jährige wohnt hier nicht. Das Häuschen ist ein Souvenirshop. Mitten im Nichts, an der russischen Grenze. Ørjan verkauft hier Stalin-Sticker, Matrjoschkas, nachgemachte Fabergé-Eier und allerlei russischen Kitsch an Touristen.

1989 übernahm er den kleinen Schuppen vor der Grenze. „Als es den Eisernen Vorhang noch gab und die Grenze komplett zu war, da kamen Hunderte Touristen am Tag hierher“, erzählt Ørjan. Gutes Geld hat er damals mit seinen Souvenirs verdient. Nach Russland durften Touristen nicht – also landeten sie in seinem Schuppen.

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„Heute kommt nur noch ein Zehntel der Besucher von einst. Deswegen werde ich den Shop bald schließen“, sagt Ørjan. Bis es so weit ist, verwickelt er die Touristen aber gerne in Gespräche. Über Russland, die Grenze, den Eisernen Vorhang und natürlich über Hund Bamse.

„Der hat einen Zahn aus Titan“, erklärt Ørjan den Besuchern und zeigt ihnen die Backenzahnprothese im Hundemaul. Der Malamute hatte sich beim Kauen auf einer gefrorenen Rentierhüfte den Zahn ausgebissen – eine deutsche Touristin zahlte 5.000 Euro für den Titanersatz. „Das war verrückt“, erzählt Ørjan und grinst. Vorbei ist die Grimmigkeit. „Wir packten Bamse ins Auto und fuhren 1.800 Kilometer nach Oslo zum Tierarzt.“ Immerhin wurde Bamse so zu einer echten Grenzberühmtheit.

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Nur 40 Meter sind es von Ørjans Souvenirshop zur Zollstation, dem einzigen offiziellen Grenzübergang zwischen Norwegen und Russland. Hier arbeitet Yngvild Østberg. Die junge Polizistin ist Schichtleiterin auf der norwegischen Seite. An ihr muss jeder vorbei, der aus- oder einreisen möchte. „Die Norweger fahren oft zum Tanken rüber, die Russen kommen zum Einkaufen“, erzählt sie. Käse, Kaffee und Windeln.

Die Menschen, die in einem Radius von 30 Kilometern an der Grenze wohnen, dürften mit einem Anwohnervisum auf die andere Seite. Nach Norwegen zu reisen sei leichter als nach Russland. „Wir müssen kontrollieren, ob die Leute auch nur 25 Kilogramm Waren pro Person dabei haben“, sagt Yngvild. In einigen Kofferräumen würden sich die Windeln und Kaffeepackungen nur so stapeln.

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Etwa 400 Menschen wollen die Grenze täglich überschreiten. Nur 50 Prozent von ihnen seien Touristen. Dass die Grenze durch die Sanktionen gegen Russland härter geworden ist, findet Yngvild nicht. Doch die russischen Kollegen bekommt sie hier nicht zu sehen. Die sind eine Autostunde hinter ihrem Übergang stationiert – an einem eigenen, russischen Checkpoint.

„Manchmal lassen wir Norweger nach Russland weiter, und zwei Stunden später kommen sie hier wieder an“, sagt Yngvild. Weil man sie am russischen Grenzpunkt doch nicht einreisen lassen wollte. Zumindest auf russischer Seite nimmt man die Grenze nicht so locker. Da ist sie am Ende wieder, die große Weltpolitik im kleinen Kirkenes.

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Die Reise nach Kirkenes ist Teil des Reporterwettbewerbs „Talents2Norway“, zu dem unsere Autorin Tomma Petersen eingeladen wurde. Die Reise wurde unterstützt durch „Innovation Norway“.

Dag Norum, tusen takk for din hjelp!

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