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Los geht's

Mit der Transsib quer durch Russland

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Eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn bezeichnen viele als eines der letzten großen Abenteuer. Mit 9.288 Kilometern zwischen Moskau und Wladiwostok gilt sie als längste Eisenbahnstrecke der Welt. Wie viel ist gut 100 Jahre nach ihrer Fertigstellung von der einstigen Faszination geblieben?

von Nils Peuse

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13. Februar, 11.28 Uhr: Minus 17 Grad zeigt das Thermometer an der mintgrünen Fassade des Bahnhofsgebäudes. Die Sonne scheint, doch die Kälte kriecht schnell durch die dicken Stiefel. Die Füße sind eiskalt.

Die Sonderwaggons des „Zarengold“-Zuges rollen ein und werden langsam an den Linienzug angekoppelt. Alles unter den wachsamen Augen von Schaffner Sergey Kotov, der seit zehn Jahren den touristischen Teil der Transsib begleitet.

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...und sieben Zeitzonen überwindet die Transsib auf der Strecke von Moskau nach Wladiwostok. Die berühmte Route, die im Herbst 2016 ihr 100-jähriges Bestehen feierte, ist nicht nur Lebensader für die Menschen, sondern auch Gegenstand zahlreicher Mythen und Legenden. 

Mehr als sieben Tage dauert die Reise zwischen Taiga und Tundra, zwischen Metropolen und Jurten, zwischen Zwiebeltürmchen und buddhistischen Klöstern.

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„Die Transsib hält meine Ehe jung!“

Dutzende Male ist Zugschaffner Sergey die gesamte Transsib-Strecke mittlerweile gefahren. Langweilig wird ihm das nicht: „Es gibt überall in Russland so viele schöne Ecken. Für mich gibt es keinen schöneren Arbeitsplatz und man kommt mit so vielen interessanten Leuten in Kontakt. Außerdem hält die Transsib meine Ehe jung. Was gibt es Besseres?“

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13. Februar, 12.17 Uhr. Der Zug rollt.
Nostalgische Romantik oder Abenteuer pur? Wie die Reise wird,  hängt auch von der Klasse ab...

Abteile wie die des neu gebauten „Nostalgie-Komfort“-Sonderwagens sind die Luxus-Variante, in der Touristen die Transsibirische Eisenbahn erleben: bequeme Betten, eine mit dem Nachbarabteil geteilte Dusche, frisches Obst und Wodka zur Begrüßung.

Jeden Morgen wird in ganz privater Atmosphäre auf den roten Sitzbänken gefrühstückt.

Mit den Zuständen in der 3. (Plazkartny) oder 4. (Obschchy) Klasse hat das wenig zu tun...



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Ein Gang durch die 3. Klasse zeigt, was die Transsib auch ist: Lebensader für die Menschen. Tagelang verbringen ganze Familien hier ihre Zeit auf dem Weg durch ein endlos groß wirkendes Land. Es wird gegessen, Wodka getrunken und Karten gespielt. 

Bei etwa 25 Grad Innentemperatur quetsche ich mich an nackten Füßen und verschwitzten Achseln durch den schmalen Gang entlang der Stockbetten. Es riecht nach Schweiß, und es ist unheimlich eng.

Ja, hier wartet tatsächlich das ursprüngliche und unromantische Abenteuer Transsib...

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Schnell stellt sich im Zugabteil ein ganz einzigartiges Gefühl des Reisens ein. Die Zeit verliert an Bedeutung, ich verinnerliche das Tempo des Zuges, der gemütlich durch die boreale Landschaft fährt.

Stundenlang ziehen verschneite Birken- und Nadelwälder, Datschen und kleine Dörfer am Fenster vorbei. Ich beginne, eine Vorstellung von der schieren Größe Russlands zu bekommen. 

Und während es draußen immer dunkler wird, nähern wir uns langsam Nowosibirsk.


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13. Februar, 20.04 Uhr: Der Zug ist seit mehr als acht Stunden unterwegs. Das gleichmäßige Schaukeln und Summen der Gleise wird schnell zur Normalität. Der kurze Haltestopp in Nowosibirsk reißt mich aus einem beinahe meditativen Zustand der Ruhe und fühlt sich schon fast unnatürlich an.

Minus 13 Grad Außentemperatur schrecken hier manch Mitreisenden nicht davon ab, in kurzer Hose und Badelatschen den beheizten Waggon zu verlassen und in aller Ruhe eine Zigarette zu rauchen. Ich freue mich auf mein warmes Abteil und ein gemütliches Bett. 


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14. Februar, 10:07 Uhr: Ankunft in Krasnojarsk, der drittgrößten Stadt Sibiriens.

Lange war sie für Touristen nicht zugänglich, da hier in der Sowjetzeit viel Atom- und Rüstungsindustrie angesiedelt wurde. Diesen industriellen Charakter hat die Stadt trotz des malerischen Flusstals des Jenissei nicht verloren.

Von der Paraskeva-Kapelle aus wird das besonders deutlich: Der Smog von Industrie und Autos ist vor allem im Winter ein echtes Problem in Krasnojarsk. Die Bürger begehren zunehmend wegen der schlechten Luftqualität auf.









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14. Februar, 13:30 Uhr: Abfahrt in Krasnojarsk. Während draußen die weiße Landschaft vorbeizieht, ist im Zug Wodkaprobe angesagt. Meine Begeisterung hält sich (noch) in Grenzen.

Guide Anatoly Dolgov sieht’s pragmatisch: „Wodka soll nicht schmecken, sondern wirken. Pass auf, so geht's richtig: Ausatmen, trinken, weiter ausatmen und erst dann wieder einatmen. Und am besten ganz schnell ein Stück eingelegte Gurke hinterher.“

Tatsächlich: Mit dieser Technik ist Wodka auch für Nicht-Fans erträglich. Und die Blinýs mit frischem Kaviar lassen mich den im Hals brennenden Alkohol schnell vergessen.

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15. Februar, 8:28 Uhr: Ankunft in Irkutsk. Bei klirrenden minus 21 Grad steige ich aus dem Zug. Oder wie man hier sagt: 21 Grad. Das Minus ist selbstverständlich und wird daher im täglichen Sprachgebrauch gar nicht erst erwähnt. Und: „Die Thermometer sind hier immer etwas optimistisch“, sagt unsere Reiseführerin. Tatsächlich dürfte es also noch kälter sein.

Es riecht nach Steinkohle, die in Irkutsk neben Wasserkraft viel zum Heizen genutzt wird. Zwei Meter tief ist der Boden hier gefroren. Anfang Februar sank das Thermometer hier auf minus 40 Grad. Das ist selbst für sibirische Verhältnisse sehr kalt. 

Was überrascht: Wegen dieser harschen klimatischen Bedingungen hat die lokale Bevölkerung bis zu drei Wochen mehr Urlaub im Jahr und darf einige Jahre früher in Rente gehen.

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15. Februar, 14:57 Uhr: Nicht mit dem Zug, sondern mit dem Bus geht es Richtung Listwjanka, ganz in die Nähe des Angar-Ursprungs. Der mächtige Fluss friert auch im Winter nicht zu und bildet eine scharfe Grenze zum mit bis zu 1.642 Meter tiefsten Süßwassersee der Erde.

Der Baikalsee ist an manchen Stellen so klar, dass ich bis zu 43 Meter tief schauen kann. Überall knackt und grollt es. Die bizarren Eisformationen erinnern an zerborstene Glasplatten. 

Als die Sonne langsam hinter dem Baikalgebirge versinkt, wird das Eis trotz klirrender Kälte in warme Farben getaucht. Ich bin an einem der schönsten Orte der Welt.

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Der Baikalsee – wie aus einer anderen Welt

Per Luftkissenboot geht es hinaus aufs Eis, wir rasen über die nicht immer spiegelglatte Oberfläche. An vielen Stellen muss der Fahrer aufpassen, nicht an scharfkantigen Eisplatten hängen zu bleiben. Allgegenwärtig ist das dumpfe Knacken und Wummern der teils 80 Zentimeter mächtigen Eisoberfläche, die mir bis zuletzt nicht ganz geheuer ist.

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16. Februar, 8.12 Uhr: Es ist bitterkalt, sicherlich weit unter minus 20 Grad. Die Kamera- und Drohnenakkus machen schnell schlapp, mein Handy streikt komplett. Doch mein Körper hat sich mittlerweile an die eisigen Temperaturen gewöhnt. Die trockene Kälte ist sehr viel leichter zu ertragen als die oft nasskalte Witterung in Deutschland.

Nach einer Schlittenhunde- und Pferdekutschenfahrt geht es mit der Fähre über die eisfreie Angara nach Port Baikal, wo der Zarengold-Zug schon wartet. Unsere Reise auf Schienen geht weiter.

Die kommenden Stunden wird der Zug über eine für den Linienverkehr stillgelegte Strecke fahren. Früher fuhren hier die Züge nach Irkutsk. Heute wird die alte Strecke nur noch von Touristenzügen genutzt.

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16. Februar, 16.02 Uhr: Nahe der kleinen Ortschaft Polovinnaya am Baikalsee hält der Zug. Grillpause vor wildromantischem Panorama. Hier bekommt das Wort „Angrillen“ eine ganz neue Bedeutung, das Thermometer zeigt abermals minus 20 Grad. 

Unerschrocken davon zeigt sich der russische Akkordeonspieler, der uns neben mit volkstümlicher Musik bei Stimmung hält.  

Auch wenn der Zug unmittelbar neben dem Dorf hält, ist die Infrastruktur recht rudimentär. Es gibt kaum Arbeit, die jungen Leute wandern in die größeren Städte ab, sagt Reiseführer Anatoly.

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17. Februar, 5 Uhr: Ankunft in Ulan Ude. Schlaftrunken frage ich mich, wo ich bin und wo das beruhigende Schaukeln und Wiegen des Zuges geblieben ist. Mittlerweile habe ich diese Art des Ruhens und Reisens so verinnerlicht, dass ich immer fast ein klein wenig enttäuscht bin, wenn der Zug zum Halten kommt und alle Geräusche verstummen. 

Ulan Ude ist die Hauptstadt der Republik Burjatien. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, Asien näher als Europa zu sein. Doch der sowjetisch geprägte Charakter ist unverkennbar. Der Sowjet-Platz wird überragt von einem etwa fünf Meter hohen Leninkopf aus Granit.

Die Burjaten machen sich einen Spaß daraus. Man habe ja schließlich schon immer die abgeschlagenen Köpfe der besiegten Feinde öffentlich zur Schau gestellt, scherzt die Reiseführerin. Na dann...




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17. Februar, 16 Uhr: Der Zug fährt weiter in Richtung Mongolei. Die Landschaft hat sich deutlich verändert, sie erinnert an das karge Tibet. Nichts ist mehr geblieben von den Millionen Birken, die den Charakter der ersten Reisetage geprägt haben.

Auch der Schnee wird langsam weniger. Wüsste ich es nicht besser, wäre ich geneigt zu denken, draußen wäre ein lauer Sommerabend. Ein Foto aus dem offenen Fensterspalt belehrt mich eines Besseren: Es ist sogar noch kälter als an den ersten Tagen.

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17. Februar, 19.57 Uhr: Wir verlassen Russland und werden im Wagen von Grenzpolizisten kontrolliert. Ein böser Blick hier, ein halbherzige Kontrolle da, Stempel in den Pass, fertig. Um 21.48 Uhr rollt der Zug weiter Richtung Ulaanbaatar. Das hatte ich mir irgendwie spektakulärer vorgestellt. 

Während der Zug gemächlich durch das Niemandsland zwischen den beiden Grenzstationen in Russland und der Mongolei fährt, fallen mir langsam die Augen zu.

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17. Februar, 22.41 Uhr: Von wegen Schlaf! Gerade weggeschlummert, geht meine Tür auf. Es gibt doch noch eine richtige Grenzkontrolle.

Womit ich nicht gerechnet habe ist, in Unterhose vor einer jungen, mongolischen Grenzbeamtin zu stehen. „Stand up please“, sagt sie in einem scharfen Ton. Drei Worte, die die Gesamtsituation für mich nicht gerade angenehmer machen. Schlaftrunken und halbnackt fülle ich die Arrival Card aus.

Eine gute Stunde später bekomme ich endlich den Reisepass zurück und es geht weiter durch die rabenschwarze Nacht in der Mongolei. Diesen Grenzübertritt werde ich so schnell nicht vergessen. 

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18. Februar, 6.50 Uhr: Ankunft in Ulaanbaatar. Es ist noch dunkel. Hier endet die Reise mit der transsibirischen Eisenbahn für mich. Minus 22 Grad zeigt das Thermometer. Inzwischen ist das nichts Besonderes mehr. 

Beim Blick ins Stadtbild ist es schwer vorstellbar, dass die Hälfte aller Einwohner Ulaanbaatars auch heute noch in der Jurte leben, inmitten der Beton- und Glasbauten der Neuzeit. Geheizt wird auch hier zumeist mit Kohle. Zwei große Kraftwerke und sehr viel Verkehr tragen ihr Übriges zur Smog-Glocke bei, die schon von Weitem erkennbar ist. 

Dass die Mongolen ein Nomadenvolk sind, wird auch heute noch im Alltag schnell deutlich. Selbst Taxifahrer orientieren sich oft nicht an Straßennamen. Wenn man irgendwohin will, richtet man sich eher nach besonderen Merkmalen in der Umgebung (beispielsweise fünf gelbe Häuser, die nebeneinander stehen). Und das scheint tatsächlich zu funktionieren.

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Zum Ende der Reise steht nochmal ein Highlight an: die Übernachtung in einer traditionellen Jurte.

Ursprünglich und authentisch? Die Realität sieht etwas anders aus. Neben Kingsize-Bett und Laminatboden wartet diese Luxusvariante auf zwei Ebenen auch mit einem modernen Bad und heißer Dusche auf. Geheizt wird mit Heißluftventilatoren.

Vielleicht entspricht das nicht ganz der romantischen Vorstellung, die ich von einer Jurtenübernachtung in der Mongolei hatte. Die Aussicht von der direkt angegliederten Terrasse ist dadurch aber nicht weniger spektakulär. 

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Live-Musik in der Jurte

Viel klischeebehafteter kann man es wohl nicht erleben. Doch mit dem Duft von typisch mongolischer Küche in der Nase in einer Jurte sitzend könnte Kehlkopfgesang kaum authentischer sein.

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Was bleibt von dieser Reise mit der Transsib? Ist sie wirklich „das letzte große Abenteuer“ dieser Welt?

Die „Zarengold“-Variante fühlt sich fast mehr an wie eine Kreuzfahrt auf Schienen. Mit nostalgischem Luxus im Zug und Abenteuern beim Aussteigen. 

Die richtig wilden Geschichten schreibt die Transsib wohl eher in der 3. oder 4. Klasse. Vielleicht also sollte man diese Reise noch einmal machen – und mit den Menschen dort Karten spielen, Wodka trinken und sich ihre Geschichten anhören, mit allen (Un-)Annehmlichkeiten, die dazu gehören.

Vielleicht kommt man dem Mythos Transsib so noch ein wenig mehr auf die Spur...

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Die Reise wurde unterstützt von Lernidee Erlebnisreisen. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

Musik unter Lizenz von artlist.io
Soundeffekte von freesound.org
Angel Perez Grandi/Kyles Alley

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