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#Vanlife: der Traum von der absoluten Freiheit

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Nichts schreit so sehr „Freiheit“ wie das Reisen im Campingbus – zumindest sieht es in den sozialen Netzwerken danach aus. Mit meinem T4 habe ich mir einen Kindheitstraum erfüllt, um herausfinden, was hinter der Faszination Vanlife steckt. Der Plan: Zwei Monate mit meinem Bulli durch West-Europa reisen, ausschließlich wild campen und den Sommer meines Lebens haben. Die Realität? Seht selbst...

von Leo Bartsch

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Jede längere Reise beginnt bei mir mit Schmetterlingen im Bauch. Neben meinem Surfboard, der Reisegitarre und meinem halben Haushalt ist jede kleinste Ritze im Bus gefüllt mit Vorfreude. Erstmal muss ich allerdings 2.000 Kilometer fahren, um überhaupt die Küste zu erreichen – genug Zeit, um mir auszumalen, was der Sommer wohl bereithält. Über Südfrankreich geht es an der spanischen Nordküste entlang bis nach Galicien, dann runter nach Portugal. Kurzum: Immer der Sonne hinterher, immer Richtung Meer.

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Einmal unterwegs, bin ich in meinem Element und mein Entdeckergeist ist geweckt. Voller Energie stürze ich mich ins Abenteuer. Jeden Tag ein neuer, wunderschöner Ort, jeden Tag treffe ich spannende Menschen und jeder Tag birgt aufs Neue die Möglichkeit, ihn genau so zu gestalten, wie ich es mir vorstelle.

Frühstück am Strand? Check. Wandern an der Steilküste? Check. Mittagsschlaf in der Hängematte? Check. Surfen beim Sonnenuntergang? Check. Abendessen unterm Sternenhimmel? Check. Zufrieden einschlafen? Check!

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Es kommt mir tatsächlich so vor, als stünde mir die ganze Welt offen. Das Leben im Bulli ermöglicht nämlich, immer genau da zu leben, wo ich es will – und das ohne Miete zu zahlen oder für ein teures Hotelzimmer aufkommen zu müssen. Mein Bus ist das Wohnzimmer und alles um mich herum – der Wald, die Dünen, die Klippen, der Strand, das Meer – mein Garten. Und wenn es mir nicht mehr gefällt, packe ich zusammen und fahre einfach weiter...

Pippi Langstrumpf wäre neidisch.

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„Man braucht nur so viel, wie in den Bulli passt.“

Was genau ist eigentlich „Vanlife“? Der Trend ist aus den USA nach Europa geschwappt und hat viel mit Entschleunigung und bewusstem Leben zu tun.

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Nicht nur materiell beschränke ich mich auf dieser Reise auf das Wesentliche, auch mein Alltag ist ziemlich reduziert. Er besteht aus Nahrungsbeschaffung und -aufnahme, Schlafen und natürlich Surfen. Denn das Gute daran, eine fahrbare Wohnung zu haben, ist, dass man immer Wellen vor der Tür hat... Ich verbringe meine Zeit ausschließlich an der frischen Luft und manchmal fühle ich mich fast wieder wie ein Kind, das außer Spielen keine Verpflichtungen hat. 

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Natürlich kann aber selbst ich nicht von (Meeres-)Luft und Liebe leben, deshalb gibt es auch Tage, an denen ich arbeite. Dank Digitalisierung kann ich das inzwischen überall – warum also nicht im Bulli? Mein mobiles „Vanlife-Office“ nenne ich es und bin nicht die Einzige, die auf diese Idee kam. Immer mehr Leute arbeiten von unterwegs und Vanlife selber ist inzwischen ein lukratives Business-Modell geworden, das sich vor allem online gut vermarkten lässt.

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Ich treffe die unterschiedlichsten Menschen. Viele sind auf Urlaubsreisen, haben den Camper nur gemietet, um zu schauen, was hinter dem Campingtrend steckt. Doch je weiter ich fahre, desto häufiger werden die Begegnungen mit Leuten, die dauerhaft so leben.

Zum Beispiel mit Annika, die beschloss, ausschließlich Dinge zu tun, die sie glücklich machen und nun als mobile Yogalehrerin unterwegs ist. Oder mit Lucas, dessen Traum es ist, möglichst nachhaltige und individuelle Campingbusse zu bauen und der mein Reise-Gefährte wird. Oder mit Javier, der seinen gutbezahlten Managerjob aufgab, um sich eigenhändig einen Transporter auszubauen.

Auch wenn das verrückt klingt: Zwischendurch habe ich das Gefühl, wir alle sind Pioniere eines Lebensmodells, das Potential für Großes hat.

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Soweit, so #Vanlife... Ja, ich gebe zu, jetzt habe ich mit Klischee-Bildern von Camping-Romantik angegeben und erst einmal nur die schönen Seiten vom #Vanlife preisgegeben. Die Realität ist aber: Vanlife ist nicht immer eine Spazierfahrt durch eine Bilderbuch-Landschaft.

Man steht nicht immer mit der Heckklappe zum Meer, hat direkten Strandzugang und schaut sich aus dem Bett den Sonnenuntergang an.

Jeder, der behauptet, in einem Campingbus zu leben sei immer leicht und unbeschwert, verdrängt die Momente, in denen es einem vorkommt wie eine nie enden wollende Odyssee.

Denn: Oft verbringt man Tage nur damit, einzuräumen, auszuräumen, aufzubauen, abzubauen, frisches Wasser zu suchen, um den Tank aufzufüllen, oder einen Supermarkt und natürlich einen geeigneten Stellplatz. Wenn man keinen findet (ja genau, so einen, den man dann auf Instagram postet), verbringt man schon mal eine unruhige Nacht auf einem betonierten Parkplatz direkt an der Straße (diese Plätze sieht man online dann eher selten).

Nicht zu unterschätzen ist außerdem, dass das Wildcampen streng genommen in den meisten europäischen Ländern verboten ist und allerhöchstens geduldet wird. Es ist daher keine Seltenheit, dass nachts die Polizei an die Bustür klopft und einen weiterschickt.

Und dann gibt es da noch dieses eine sehr sensible Thema: Körperhygiene. Wenn man sich, so wie ich, dafür entscheidet, wild zu stehen, heißt das gleichzeitig, dass man teils tagelang keine Dusche hat und wenn, dann ist es eine kalte Stranddusche, oder das Bad im Meer muss reichen.

Haare waschen? Fehlanzeige. Wenn man großes Glück hat,
gibt es Strandtoiletten oder Dixie-Klos, sonst macht man sich mit dem Klappspaten auf die Suche nach einem stillen Örtchen.

Wäsche wird mit der Hand gewaschen oder bei (eher seltener) Gelegenheit im Waschsalon. Und wie ungemütlich es in so einem Campingbus bei schlechtem Wetter wird, muss ich vermutlich gar nicht erst erklären...

Luxus und Komfort sind definitiv Fremdwörter im Vanlife-Vokabular. Hinter der Fassade versteckt sich eine Menge Verzicht und Hingabe.

Der Hashtag #Vanlife und seine Verbreitung im Netz tragen definitiv zu einer enormen Romantisierung dieser Lebensweise bei, die sicherlich nicht für jeden das Richtige ist.

Man muss das schon unbedingt wollen, um es auch mit allen Facetten genießen zu können.

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„Über die anstrengende Seite spricht niemand.“

Genauso wie Unbeschwertheit und Abenteuerlust gehören auch Herausforderungen und schlechte Tage zum Alltag im Van.

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Immer wieder werden mir im Verlauf der Reise Steine in den Weg gelegt. Manche sind klitzeklein und lassen sich leicht mit Sekundenkleber und Gaffer Tape aus der Welt schaffen. Andere stellen einen auf die Probe und lassen mich zweifeln, ob das Leben und Reisen in einem alten Bulli wirklich so eine gute Idee ist.

Eigentlich findet sich immer irgendeine Lösung: Das Loch in meinem Auspuff wird provisorisch von meinem Kumpel, der zufällig Schlosser ist, repariert, dafür zieht er kurzfristig mit in meinen Bus, als ihm die Feder bricht. Vanlife schweißt zusammen und man hilft sich, wo man kann.

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Die viel größere Herausforderung für mich ist es, eine Balance zu finden, zwischen auf Reisen sein und Ankommen. Es gibt immer noch mehr zu sehen, immer noch neue Orte zu entdecken. Auf Dauer kann das aber sehr anstrengend werden – manchmal jagt man nur noch den besten Plätzen, Wellen oder Fotos hinterher, ohne jemals zur Ruhe zu kommen. Frustration macht sich breit, wenn man wieder nicht gefunden hat, wonach man sucht. Und ich frage mich, ob wir zu viel wollen, wenn wir nach der absoluten Freiheit streben.

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Doch daran zu glauben und den extra Kilometer zu fahren, lohnt sich. Meist liegen die schönsten Orte am Ende der unbefestigten Straßen. Man muss eben immer einmal mehr abbiegen, als man enttäuscht wurde, dann findet man sie: die absolute Vanlife-Magie.

Hier in Portugal, auf einer einsamen Klippe, wo die Sonne am Abend gefühlt nur für mich untergeht, es Sternschnuppen regnet und ich mit Meeresrauschen im Ohr einschlafe, weiß ich, dass es sie gibt – die Freiheit. Vielleicht nicht immer, aber immer wieder.

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Vanlife & Nachhaltigkeit: Passt das zusammen?

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Abgesehen von meinem sehr persönlichen Blick auf diese Lebensweise möchte ich auch den Blick für die allgemeinen Konsequenzen des Vanlife-Trends nicht aus den Augen verlieren.

Der Hippie in mir glaubt zwar an eine Welt jenseits von Grenzen und Nationen und daran, dass jeder Ort jedem gehört und somit auch jeder das Recht hat, überall zu wohnen. Die Natur mit Respekt zu behandeln, ist dabei eine Selbstverständlichkeit für mich.

Wenn allerdings immer mehr Leute so reisen oder leben wollen, ist irgendwann nicht mehr genug Platz und Anwohner beschweren sich über Lärm, Müll und überfüllte Parkplätze.

Umso wichtiger ist es, dass das Thema Nachhaltigkeit Einzug in die Bullis hält und wir achtsam und umsichtig mit den Orten umgehen, an denen wir stehen.

Das heißt zum Beispiel, dass wir, wenn wir schon recht unökologisch im Auto reisen, zumindest versuchen, bei Gelegenheit Mitfahrer mitzunehmen und Fahrgemeinschaften zu bilden.

Es heißt, keine Chemikalien zu nutzen, sondern biologisch abbaubares Spülmittel und Shampoo, oder das Abwasser an dafür vorgesehenen Stellen zu entleeren.

Es heißt auch, sein Klopapier nicht einfach im Wald rumfliegen zu lassen und seinen Müll wie gewohnt mitzunehmen, wenn möglich zu trennen, zu entsorgen und sich im Allgemeinen so angemessen zu verhalten, dass es niemanden stört.

Eben genau so, wie im eigenen Zuhause – dann wird Wildcampen und das Leben an den schönsten Orten Europas hoffentlich auch noch in vielen Jahren geduldet sein.

Mein Wunsch ist es, dass wir „Vanlifer“ nichts anderes hinterlassen – außer unsere Reifenspuren.

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Nach 7.727 Kilometern, 22 Stops in 3 Ländern, vielen Herausforderungen, einigen Hindernissen, tollen Begegnungen und unzähligen Stunden hinterm Steuer muss jeder irgendwann einmal umdrehen.

Doch natürlich hinterlasse nicht nur ich Spuren im Sand, sondern auch andersherum hinterlässt eine Reise auch immer Spuren in mir. Und dann stellt sich die große Frage: WOHIN? Richtung Deutschland, das ist schon klar. Aber das „nach Hause kommen“ fühlt sich irgendwie anders an, wenn man doch ein paar Wochen sein Zuhause auf Rädern immer dabei hatte.

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Ich erwische mich dabei, wie sich der Gedanke in mir breitmacht, dass so ein Leben auch dauerhaft etwas für mich wäre. Denn trotz einiger Entbehrungen überwiegt das Positive – die Naturverbundenheit, die Besinnung auf das Wesentliche, ein einfaches Leben oftmals an den spektakulärsten Orten.

Für mich steht fest: Den Traum von der absoluten Freiheit möchte ich so oft und so lange wie möglich weiter träumen. Vanlife, das ist mehr als eine Art der Fortbewegung. Es ist eine ganze Bewegung und ich bin nur ein kleiner Teil davon.

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FOTOS, VIDEOS & TEXTE
Leonore Bartsch

MUSIK
September Sun

Text & Komposition:
Leonore Bartsch, Bernhard Selbach
http://www.bernhardselbach.com

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Übersicht

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Kapitel 1 Aufbruch

1
Kapitel 2

2.1
Kapitel 3 Unbeschwerter Alltag

3
Kapitel 4

4.1
Kapitel 5

5.1
Kapitel 6

6
Kapitel 7

7
Kapitel 8

8
Kapitel 9 Die andere Seite

9
Kapitel 10

10.1
Kapitel 11

11.2
Kapitel 12 Suchen & Finden

2.2

12
Kapitel 13 Was bleibt?

13
Kapitel 14

14.1
Kapitel 15

15
Kapitel 16

Impressum 1
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